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Landesverband Sachsen der Kleingärtner e.V.

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Entwicklung von der Naturheilbewegung zum Kleingartenwesen im Bereich der ehemaligen Kreishauptmannschaft Zwickau

 

Die naturgemäße Lebens- und Heilweise (Naturheilkunde) ist die Lehre von den Daseins- und Heilbedingungen höher organisierter Lebewesen; in ihrer Beziehung zum Menschen umfasst sie die bewusste und instinktive Befolgung der Naturgesetze des Lebens.

Diesen Leitspruch hatten sich die Mitstreiter der Naturheilbewegung auf die Fahne geschrieben. Mitte des 19. Jahrhunderts nahm die "Lebensreformbewegung" einen enormen Aufschwung. Durchaus verständlich, wenn wir das damalige Lebensniveau betrachten.

Die Industrie in Deutschland entwickelte sich explosionsartig, in den Manufakturen arbeiteten auch Kinder und Frauen unter menschenunwürdigen Bedingungen bis zu 16 Stunden am Tag. Danach verbrachten sie, zusammengepfercht in Mietskasernen, wenige Stunden der Ruhe, um danach wieder den Weg zur Arbeit anzutreten.

Die Kindersterblichkeit nahm rasant zu und das Durchschnittsalter der erwachsenen Stadtbevölkerung sank dafür gegenüber dem der Landbewohner. Nicht selten versuchte man mit Alkohol das Leben zu erleichtern.

In dieser Situation fanden die Lehren von Dr. Daniel Moritz Schreber, die Erkenntnisse des Naturarztes Vincent Prießnitz (1789 - 1851), die Heilerfolge des Pfarrers Sebastian Kneipp (1821 - 1897) oder die Trockendiät des Johann Schroth (1800 - 1856) schnell Gehör.

Naturheilvereine schossen wie Pilze aus der Erde, so kam es bereits 1822 zur Gründung des ersten Vereins der "Wasserfreunde".

In Chemnitz trug das ärztliche Wirken des Geheimrates Zimmermann, bekannt durch die Zimmermann´sche Heilanstalte, maßgeblich dazu bei, dass im November 1868 ein Naturheilverein aus der Taufe gehoben wurde.

Unter Vorsitz des Bürgerschullehrers Hermann Canitz, einem tüchtigen praktischen Vertreter der Naturheilkunde und dem geistigen Kopf der Bewegung, wurde der Chemnitzer Verein führend in der Region und darüber hinaus.

Sehr bekannt war auch der Zwickauer Naturheilverein, der im November 1885 ins Leben gerufen wurde.

So entstanden auch in der näheren Umgebung weitere Vereine, wie z.B. in Aue, - dieser wurde am 28. März 1886 gegründet. Einige Auer Bürger schlossen sich zusammen zum "Verein für naturgemäße Gesundheitspflege und arzneilose Heilkunde für Aue und Umgebung".

Initiator und 1. Vorsitzender war Herr August Müller aus Klösterlein-Zelle.

Die Vereinsziele umfassten die vorbeugende und die therapeutische Anwendung der natürlichen Wirkfaktoren - Wasser, Licht, Wärme - aber auch die Bewegung in frischer Luft, vernünftige Ernährung, zweckmäßige Bekleidung und Bekämpfung der Modetorheiten.

Das Vereinseigentum bestand 1888 aus einer Bibliothek (Geschenk von Geheimrat Zimmermann - Chemnitz / Berlin) und einer eigenen Badeanstalt für Wannenbäder. Durch Vorträge und gemeinsame Ausflüge in die ländliche Umgebung oder in das benachbarte Böhmen gestaltete man das Vereinsleben. Der Verein zählte bald über 200 Mitglieder.

Jährliche Gruppenversammlungen, wie 1905 in Waldenburg oder 1906 in Meerane; die Entsendung von 7 Delegierten zum Verbandstag nach Weißenfels (1906) und eine rege Vortrags- und Versammlungstätigkeit in den Vereinen zeugten von der Aktivität der Verbandsgruppe.

Zwischenzeitlich schlossen sich die zwei bislang führenden Verbände der Naturheilbewegung zusammen und gründeten 1888 in Leipzig, infolge langer Querelen, den "Deutschen Bund der Vereine für Gesundheitspflege und arzneilose Heilweise".

Dazu aus der Einleitung zur Satzung vom 1. Dezember 1906:

Der am 18. November 1888 begründete, aus der Vereinigung des ‚Deutschen Vereins für volksverständliche Gesundheitspflege und für Naturheilkunde’ und dem ‚Zentralverbande der Vereine für naturgemäße Gesundheitspflege und arzneilose Heilkunde’ hervorgegangene, bisher nach Maßgabe der Satzung vom Oktober 1889 geleitete und verwaltete ‚Deutsche Bund der Vereine für naturgemäße Lebens- und Heilweise’ (Naturheilkunde) bezweckt die Förderung der Kenntnis und Selbsttätigkeit auf dem Gebiete der Gesundheitspflege und die Verbreitung der arzneilosen Heilweise.

Der ‚Deutsche Bund’ hat seinen Sitz in Berlin.

Er nimmt zufolge Beschlusses der Bundesversammlungen, die 1903 in Magdeburg und Pfingsten 1906 in Weißenfels a. S. tagten, nachstehende abgeänderte Satzung als Grundverfassung an."

Danach fanden regelmäßige Zusammenkünfte statt. So 1892 eine Bundesversammlung in Dresden. Auf einer weiteren, 1896 in Kassel, beschloss man die Gliederung des von Berlin aus angeleiteten "Deutschen Bundes" in regionale Gruppen, wobei die umliegenden Vereine Mitglied der Gruppe Zwickau wurden. Von der Aktivität der Verbandsgruppe Zwickau zeugte eine rege Vortrags- und Versammlungstätigkeit, in 38 Vereinen wurden 7.143 Mitgliedern gezählt.

Viele Mitglieder der Naturheilbewegung wünschten sich, ihre knapp bemessene Freizeit gemeinsam mit der Familie in der Natur zu verbringen, den körperlichen Ausgleich für die Bereicherung des häuslichen Speiseplans einzusetzen. Deshalb forderten sie die Errichtung von Kleingärten. Der konservative Teil der Mitlieder wollte jedoch wie bisher das Vereinsleben fortsetzen. Oftmals kam es dadurch zu Spaltungen der Vereine.

So auch in Aue. Dieser nachdrücklich geäußerte Wunsch einiger Mitglieder führte bei der Generalversammlung im Januar 1905 zur Spaltung des Vereins. Der 1. Vorsitzende, Theodor Richter, legte darauf sein Amt nieder. Der Vertreter des Gruppenvorstandes Zwickau, der Naturheilkundige Gottfried Strobelt aus Oberschlema, unterstützte jedenfalls den Teil der Mitglieder, die am 4. März 1905 den zweiten Naturheilverein "Prießnitz" gründeten und sofort an die Errichtung einer Kleingartenanlage gingen.

Am 23. Juli 1906 erfolgte die Weihe der ersten "Prießnitz-Gartenanlage" auf dem Zeller Berg.

Die Auseinandersetzungen zwischen Vereinen und der Zwickauer Gruppe, spitzten sich zu und erreichten im Jahr 1911 ihren Höhepunkt. Nachfolgende Vereine fühlten sich ständig zurückgesetzt und empfanden sich unangemessener Eingriffe in die Vereinsangelegenheiten seitens der Zwickauer Bundesgruppe für naturgemäße Lebens- und Heilweise ausgeliefert.

So kam es am 31.10.1911 im "Hotel Stadtpark" Aue, unter maßgeblicher Mitwirkung des Auer Vereinsvorsitzenden Richard Hauck, zu einer Vorversammlung, um die Gründung der Bundesgruppe "Obererzgebirge" vorbereiten zu können.

Die offizielle Version lautete: "Die Gründung einer Gruppe ist in unserer Gegend nötig, um den Vereinen viele Geldmittel zu ersparen und ein rationelles Arbeiten mit kleinen Vereinen des Erzgebirges zu schaffen, ..."

 

Anwesende Vereine:

Aue Richard Julius Hauck

Schneeberg/Neustdl. Hammerschmidt

Oberschlema H. Hergert

Schönheide Franz Fickel

Bernsbach Paul Teubner

Lauter Paul Laukner

Sie vertraten ca. 1.075 Mitglieder.

 

Die eigentliche Gründung erfolgte am 12.11.1911 in Aue mit den nachfolgenden Vereinen

Anwesende:

Aue NV I R. Hauck 268 Mitglieder

Schwarzenberg Richter 90 Mitglieder

Neuwelt, (vertreten durch) Richter 42 Mitglieder

Bernsbach Teubner 175 Mitglieder

Oberschlema Hergert 120 Mitglieder

Hundshübel Unger 30 Mitglieder

Niederschlema Köhler 146 Mitglieder

Erla Georgi 90 Mitglieder

Schneeberg Müller 105 Mitglieder

Lauter Laukner 158 Mitglieder

 

Sie vertraten insgesamt 1.224 Mitglieder und weitere ca. 200 Mitglieder in den hier nicht genannten Vereinen.

Es gab lange Diskussionen, hauptsächlich über die Finanzierung. Der Naturheilverein I aus Aue übernahm einige Kosten, um die Anlaufschwierigkeiten zu überbrücken.

Über die Bildung der Gruppe gab es nunmehr Einigkeit und durch die Abstimmung wurde die Gründung vollzogen. Somit konstituierte sich die erste (Bezirks)-Organisation der Naturheilvereine und ihrer Kleingärtner mit Sitz in Aue.

Der genannte Verband repräsentierte nunmehr ca. 1.450 Mitglieder.

Durch den Zusammenschluss konnten viele Aktivitäten koordiniert werden.

Da die Referenten meist eine weite Anreise hatten, waren die Unkosten verhältnismäßig hoch. Um diese Kosten für den einzelnen Verein zu senken, sind in der Folgezeit gemeinschaftliche Veranstaltungen organisiert worden. Speziell die Wintermonate wurden genutzt, um den Mitgliedern Vorträge über Naturheilmethoden zu bieten. Zum Beispiel fand am Dienstag, dem 16. Januar 1906 im "Hotel Blauer Engel" ein Vortrag nur für Damen zum Thema: "Nervenleiden bei Frauen" statt. Hierzu sprach Frau Olga Zschommler aus Leipzig.

Bereits am Dienstag, 23. Januar 1906, folgte im selben Hotel ein Vortrag über die "Ernährungsweise des Menschen etc.". Referent war Herr Bernhard Hagen aus Eisenach.

Beide Vorträge waren öffentlich. Von einem Mitglied des Vereins wurden 15 Pfg. und von Nichtmitgliedern 25 Pfg. Eintrittsgeld erhoben. Die Eintrittsgelder dienten zur Deckung der Unkosten.

In der schönen Jahreszeit wurden die kleineren Spaziergänge in die nähere Umgebung fortgesetzt. So unternahmen auch Vereine gemeinschaftlich, wie z.B. die Naturheilvereine Eichert und Prießnitz, beide aus Aue, Ausflüge und dabei wurden auch Vorträge gehalten. Wie 1907, dort ließ man Herrn Vierrath aus Berlin, über die Temperamente des Menschen sprechen.

Zumeist war die Naturheikunde nach wie vor der Satzungszweck, doch interessierten sich immer mehr Mitglieder für die Kleingärtenerei, das machte sich auch bei den Ausflügen bemerkbar.

So wurden des öfteren Besuche in Naturheilvereine organisiert, die auch eine Kleingartenanlage besaßen, wie z.B. das Zwickauer Johannisbad, es wurde von den Mitgliedern des Naturheilvereines Eichert besucht. Die Beteiligten nutzten die Möglichkeit zur Besichtigung der Kleingartenanlage, das wiederum weckte das Interesse mehrerer Vereinsmitglieder, die nun gleichfalls Gärten errichten wollten.

Auf einem gepachteten Feldgrundstück am Eichert in Aue entstand bald die zweite Gartenanlage, am 16. August 1908 fand die Gartenweihe mit einem Garten- und Kinderfest statt.

Im Jubiläumsjahr 1911 (25 Jahre) meldete sich der "Gründervater" des Naturheilverein I, August Müller, noch einmal zu Wort und beschwor die Gartenfreunde, die Ziele der Naturheilbewegung zu bewahren.

Immer mehr Vereine wandten sich der Kleingärtnerei zu. Ein Grund war dabei sicherlich die durch die "Kleingarten- und Kleinpachtlandornung" von 1919 geforderte "kleingärtenischen Gemeinnützigkeit.

Dazu aus der 1. Ausführungsverordnung vom 25. Oktober 1919 zu diesem Gesetz:

"Die Anerkennung als gemeinnütziges Unternehmen zur Förderung des Kleingartenwesens im Sinne von § 5 erfolgt durch die für deren Sitz zuständige Kreishauptmannschaft.

Ohne besonderen Antrag werden als solche gemeinnützigen Unternehmen die dem ‚Landesverband Sachsen, Thüringen und Anhalt des Zentralverbandes Deutscher Arbeiter- und Schrebergärten’ angehörende Vereine anerkannt."

Somit brauchten reine Kleingartenvereine, die im Landesverband organisiert waren, keinen Antrag zu stellen, ihnen wurde die "kleingärtnerische Gemeinnützigkeit" zuerkannt.

Die "bürokratischen Mühlen" liefen damals sehr langsam an, zum Tragen kam diese Maßnahme eigentlich erst ab 1927.

Zwischenzeitlich war im Juli 1923 der "Landesverband Sachsen der Schreber- u. Gartenvereine e. V.", der legitime Vorläufer des heutigen LSK, ins Leben gerufen worden, er stand über den fünf sächsischen Kreisverbänden in den Kreishauptmannschaften.

Im Juli 1928 war Sachsen mit nunmehr 71.890 Mitgliedern der stärkste Landes- bzw. Provinzial-verband Deutschlands innerhalb des "Reichsverbandes der Kleingartenvereine".

Anfangs waren die Vereine oftmals in beiden Verbänden organisiert, doch finanzielle Zwänge forderten früher oder später eine Entscheidung für einen Verband.

Damit war der Niedergang der Naturheilbewegung in Sachsen besiegelt.